2. Geldbeuteldisaster

Geldbeuteldisaster oder warum die Trompeten von Jericho in Zimmer 104 blasen

Das gelbe Pferd ist durch die Shipping-Line avisiert und so mache ich mich auf nach Oxnard, um den Metalfreund in seiner neuen Heimat Olivien zu übernehmen. Nachdem ich mit den Zollformalitäten nicht vertraut bin und auch nicht sicher sein kann, dass das Projekt “Easy Rider” an einem Tag über die Bühne geht, habe ich vorsichtshalber mal ein langes Wochenende eingeplant. Mit dem Amtrak-Coster geht es in kurzweiligen 5 Stunden von San Diego nach Oxnard. Einchecken ins Paris-Papa-Hotel, die überfreundliche Desk-Dame verspricht ein kostenfreies Upgrade des Zimmers, dass ich freudig annehme. Es geht doch nichts über den Olivieanischen Servicegedanken.

Freue mich über meinen Glücksgriff. Ich habe das Zimmer 104 und bin direkt neben dem Aufzug für alle vier Stockwerke. Den Aufzug an sich hört man nicht, dafür aber die Trompete, die jedes mal losgeht, wenn der Fahrstuhl im first Floor neben meinem Zimmer ankommt. “…Tröööt, Tröööt, Tröööt…” und damit auch jeder versteht, wo er jetzt angekommen ist, folgt die freundlich synthetische Stimme des Fahrstuhlcomputers “… firrrrrrrst Flooooor …”. Fehlt eigentlich nur noch “…thanks for driving with us, come back and enjoy the concert…”. Nettes Up-Grade, kostenlose Uraufführung “Trompeten für die Welt” als Solozwölfakter inklusive. So viele Trompeten und keiner der Sie zum Schweigen bringt.

Die Dame am Desk war dann von meiner Reklamation am nächsten Morgen sehr angetan und wir haben uns in unterschiedlicher englischer Intensität über die Qualität der Trompeten von Jericho ausgetauscht. Nun, ich habe nicht alles verstanden und Sie offensichtlich auch nicht, aber wir kennen und respektieren uns jetzt. Als Verhandlungsergebnis habe ich mein persönliches Reich ab sofort im vierten Stock, weit weg von allen Fahrstühlen. Seither finde ich es eine wichtige Information, wenn ich durch den Blasmusiksound daran erinnert werde, das ich jetzt im first Floor angekommen bin. Was wohl der Gast in Zimmer 104 dazu sagt?

Zurück zum eigentlichen Ziel. Die Tourtoga ist für Donnerstag zum Einlaufen in den Hafen angemeldet. Ich muß mich noch um die Importpapiere kümmern, die Einfuhrdokumente vorbereiten und einen Termin mit dem Zoll vereinbaren. Und vor allem eine Motorradversicherung für mein Zweirad abschließen. Also über das Internet schlau lesen, die nötigen Fachbegriffe übersetzt und einen vertrauenswürdigen Insurenc-Agent ausfindig gemacht. Nun, bis in das ausgewählte Office sind es lt. Karte nur ein paar Blocks und so laufe ich mit meinem Rucksack und allen Originaldokumenten bewaffnet los. Vorher mache ich noch kurz Station in dem Büroraum für die Hotelgäste. Drucke mir die vorbereiteten Englischfachbegriffe für die Versicherung aus und bin froh, als ich den Desk verlasse. Die Verzweiflung der neben mir telefonierende junge Dame war nicht zu überhören. Ob Ihre Bank wohl einen Weg finden wird, wie Sie Ihre Bills bezahlen kann?

Ich laufe also die paar Blocks und komme nach drei Stunden Fußmarsch tatsächlich da an, wo ich hinwollte. Das mit den Entfernungen hier in Olivien muss ich wohl noch lernen und hoffentlich ist die eingeschränkte Mobilität bald zu Ende, denke ich mit pustenden Backen. Ohne Motorisierung bist du hier einfach nur ein Mensch zweiter Klasse. Rein ins Geschäft, Dave der Agent fragt nach den üblichen Unterlagen. Ich verstehe nicht alle Fachbegriffe, aber ich habe ja meine Übersetzungsliste vorbereitet. Und so ziehe ich nach ein bisschen Kramen im gutgefüllten Rücksack am Counter im Empfangsbereich meine Übersetzungsliste blank. Die erste Frage gilt der Driverlicenc. Nachdem ich bis dato noch keinen Olivieanische habe und der internationale Führerschein nur mitleidig belächelt wird, werde ich in das hintere Büro zur General Managerin Soraya gebeten.

Sie nimmt sich des Vorfalls an und warnt mich vor, dass die fehlende Licenc teuer wird. Während Sie die Versicherungsmaschine mit Details füttert, fange ich an, nach meinem Geldbeutel im Rucksack zu suchen. Da ist mein Deutscher Führerschein drin und den hätte Sie gerne gesehen. Ich suche und suche und während dessen lächelt mir Soraya eine Summe von 5.160 USD als Prämiensumme für ein Jahr entgegen.

In dem Moment wird mir klar, daß mein Geldbeutel nicht mehr da ist, wo er sein sollte. Und diese Erkenntnis läßt mich erstarren. Das hat wohl auch Soraya mitbekommen, den Sie fragt, ob es mir gut geht (Sie hat wohl begründete Sorge, die Prämienhöhe hätte mein weißes Gesicht verursacht). Vor meinem inneren Auge läuft derweil ein kleiner Film ab. Ich habe ja sonst nicht viel im Geldbeutel, den der könnte ja verloren gehen. Aber heute wollte ich zum Agent und die wollen Originale sehen. Also ist alles an Ausweisen und Kredit-, EC- und Krankenkassenkarten, Fahrzeugschein und und und in dem Wallet. Und dann habe ich auch noch extra viel Bargeld reingepakt, weil ich ja die Prämie ggf. bar bezahlen wollte. Und die Limite für die Kreditkarten hatte ich auch extra noch erhöhen lassen.

Wir wird schlecht und Soraya fragt besorgt, ob mit mir wirklich alles OK ist. Ich sammle mich und denke darüber nach, wo ich das Aufbewahrungsgefäß zuletzt gesehen habe. Das war im Hotelbüro und dort muß ich Ihn liegen gelassen haben. Es muss so sein, denn ich habe den Rucksack nur im Hotelbüro, kurz am Eingang der Versicherung und hier am Schreibtisch bei Soraya geöffnet. Hastige Sichtkontrolle am Schreibtisch und Eingangsbereich, nichts. Panik befällt mich!

Kurze Info an meine Gastgeber. Soraya ruft im Hotel an. Meine Freundin aus der Trompetensache nimmt ab und erinnert sich natürlich an mich. Gut, wenn man in solchen Situationen Freunde hat… Sie will sich der Sache annehmen und wird das Büro gleich kontrollieren. Sie avisiert einen Rückruf und wir Drei warten einige Minuten. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Anruf. Kein Wallet, nichts abgegeben oder anderweitig hinterlegt. Mein Puls beschleunigt auf Überschall und mein Gesichtsfarbe wechselt von weis auf kalkweis. Panik erobert den restlichen Bajuwaren. Er kann nur im Büro sein und er muss dort sein. Hier ist der Wunsch der Vater des Gedanken und da war doch die Dame von heute Morgen mit ihren Geldsorgen. Die Welt ist schlecht, ist mein nächster Gedanke. Ich muss zurück ins Hotel um selbst zu suchen, er muss da sein. Falls nicht… , daran mag ich ob der ganzen Originaldokumente und des Bargeldes gar nicht denken.

Für ein Taxi habe ich kein Geld, aber Dank der 10er-Fahrkarte in der Jacke kann ich zumindest mit dem Bus zurück fahren. An die halbstündige Busfahrt und die zwanzig Minuten zu Fuß ins Hotel kann ich mich nicht mehr richtig Erinnerung. Nur ankommen, suchen und finden will ich. Schweißgebadet laufe ich ins Hotel und durchsuche zuerst das Büro. Ohne Erfolg, also renne ich in mein Zimmer um dort nachzusehen. Nichts! Frustration pur. Mit hängenden Ohren gehen ich zur Rezeption und frage meine Trompetenfreundin, ob nicht doch etwas gefunden wurde. Sie verneint, wühlt aber nochmals erfolglos alle Schubläden durch.

Ich bin zwischenzeitlich von kalkweis zu alpinweiß transformiert und fühle mich gerade von einem Fladimier-Klitschko-ohne-Vorwarnung-rechtsausleger-Haken getroffen. Wo kann ich hier umfallen? Ich glaube es einfach nicht. Aber, nichts zu sehen von meinem Geldaufbewahrungsstück. Wie komme ich nur an all die erforderlichen Dokumente und wie war doch gleich die Nummern, um die Karten sofort zu sperren? Es wird ernst!

Als ich mich einigermaßen gefasst habe und gerade darüber nachdenke, wie ich an das potentielle Diebesmädchen herankomme, geht die Türe des zweiten Büros auf. Ein anderer Rezeptionist kommt herein. Auch er kennt mich aus der Trompethensache, erkennt mich und ruft mir im vorbeigehen freudlos zu, das da gerade eine Suraya oder so für mich angerufen hat. Und Sie lässt ausrichten, dass Sie meinen Geldbeutel gefunden wurde. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Sie würde Ihn gleich vorbeibringen. Nach einem zweiten Blick auf mich fragt er schnell nach, ob mir nicht gut ist? Alpinweißmännchen transportiert zu krebsrot und ventiliert gegen blasblau. Gibt es hier eigentlich ein Beatmungszelt? Wohin kann ich gefahrlos umfallen? Ob die hier Freudenschreie großer > 100 Dezibel in Bavarienstyle tolerieren?

Zwanzig Minuten später steht Soraya vor mir, erzählt, das ein anderer Kunde im Eingangsbereich des Büros den Geldbeutel auf dem Boden vor dem Counter gefunden hat. Wir mutmaßen, das er mir wohl beim Auspacken der Unterlagen aus dem Rucksack gefallen ist und da ich bei der schnellen Sichtkontrolle auf der anderen Seite des Counters stand, konnte ich nicht vollständig auf den Boden sehen… Die Einladung zum Essen, als auch alle andern monetären Versuche, Sie an meinem Glück zu beteiligen lehnt Sie empört ab. Wünscht mir noch einen guten Aufenthalt in den Staaten und ist auch schon wieder weg. Ich schäme mich, weil ich als erstes die unschuldige Mitbewohnerin verdächtigt habe und muss akzeptieren, das die Fixierung auf das vermeintlich Diebesmädchen wohl keine gute Entscheidung war. Aber Ende gut alles Gut.

Lang lebe der ehrliche Finder.

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