14. Kinderwagenrennen oder warum am Berg die weißen Haie laufen

Kinderwagenrennen oder warum am Berg die weißen Haie laufen

Mens sana in corpore sano und die passende bajuwarische Umsetzung. Ein neuer Tag, eine neue Stadt, eine neue Herausforderung. Da war ich also nun in Palo Alto mit dem Vorsatz, den körperlichen Verfall meiner selbst durch den Start eines Re-Bilding-Programms in sein Gegenteil zu verwandeln. Gedacht, getan und so starte ich dann am ersten Samstag früh um pünktlich 10:00 Uhr morgens mein neues Sportleben. Als open air Fitnesscenter habe ich mir hier den Dish ausgesucht, ein Park der Stanfort Universität der im Wesentlichen in seinem ursprünglichen Zustand belassen worden ist. Der asphaltierter Weg zum Dish ist ca. acht Kilometer lang und weißt ein ausgesprochen anspruchsvolles Höhenprofil aus. Das Gelände ist hier bekannt als running area und so freue ich mich auf den Beginn einer hoffentlich langfristigen Zusammenarbeit. Tolles Gefühl, denke ich, also ich meine ersten Laufschritte mache.

Leider hat der Dish aber auch einen schwerwiegenden Nachteil: nach dem Eingang folgen gleich zwei steile Anstiege. Ich bin trotzdem guter Dinge und so führt mich der Weg direkt in den ersten Steilhang. Zwei Minuten später ist klar, dass ich wohl doch ein bisschen langsamer starten muss, denn das erste kleine Hügelchen zeigt mir sehr deutlich auf, dass der Geist zwar willig, das einfache Fleisch und insbesondere die Muskelgruppen aber schwach sind. An laufen ist überhaupt nicht zu denken und so schalte ich noch am ersten Berg in den Beginnermodus zurück. Gehen ist ja auch ein guter Start und schließlich beginnt auch ein Marathon mit dem ersten Schritt. Störend dabei ist nur, dass ich permanent von anderen Läufern lächelnd überholt werde. Aber gut, dass muss Mann wohl hinnehmen und außerdem ist mein Plan ja auch langfristig angelegt.

Welche Freude, also ich den ersten Hügel hinter mir habe und der Blick frei ist auf das zweite Hindernis. Der scheint noch etwas steiler und länger zu sein und mein desolater Gesamtkörperzustand schreit bereits jetzt nach einer ersten längeren Pause. Aber so haben wir nicht gewettet mein Body, so gehe ich dann langsam aber bestimmt den nächsten Himalaya-Ableger hinauf. Na wer sagt es den, funktioniert ja auch langsam gut und so schlendere ich keuchend und schweißgebadet weiter das kleine Gebirge nach oben.

„…On your left! ( ) …“ ertönt es warnend hinter mir und ich erschrecke aus meinem schlendert schleifenden Gang auf. Was ist den jetzt geboten, dürfen hier den Fahrräder fahren ist mein erster Gedanke. Denn hier in Olivien warnen die schnelleren Fahrradfahrer die langsamen Radler oder Fußgänger mit diesem Ruf, kurz bevor diese dann vorbei fahren. Und während ich noch verwundert überlege ob ich damit richtig liege, sehe ich das erste Rad langsam aber sicher an mir vorbei ziehen. Es ist ein kleines Rad, stelle ich weiter verwundert fest und der darauf folgende Rest des Kinderwagens lässt mich meinen schleifenden Gang erst mal einstellen. Ein kräftiges „good morning“ ertönt und zwei Reihen perfekter weißer Zähne strahlen mich dabei leicht mitleidig an. Und während ich immer noch irritierend nach Luft schnappe, schiebt die vorbeijoggende Mutter ihren Kinderwagen locker mit der Hüfte schwingend den Hügel hinauf. Na das habe ich nun wirklich gebraucht. Als(o) ob es nicht reichen würde, dass ich mich hier am ersten Tag mühevoll nach oben schiebe, nein, da kommt dieses perfekt gedresste Mutter mit dem Läuferbody und präsentiert mir strahlend Ihr Haifischgebiss.

Motivation sieht anders aus und nach einigen staunenden Sekunden, die auch noch dringende zusätzliche Verschnaufpause darstellen, bewegt sich der geistig gestählte und körperlich vernachlässigte Body mit schweren Schritten leicht frustriert den weiteren Hügelweg hinauf. Das muss ich erst mal verarbeiten, denke ich und das aller Anfang ja schwer ist. Und so wanke ich mit nunmehr hängenden Armen und Motivation weiter den steilen Weg entlang.

„… ON YOUR LEFT… !“ schalt es hinter mir eine Spur zu laut. Was ist den nun schon wieder. Das hatte ich doch gerade. Repeadmodus oder was? Aber nein, wieder schiebt sich ein kleines Rad langsam an meiner linken Seite vorbei. Das anschließende “good morning” ist bei meinem aktuellen Gemütszustand eine Spur zu gutgelaunt, die zwei Reihen weißer Haifischzähne funkeln mich wieder unverschämt Gesund an und zu guter letzt bleibt mir nur noch staunend festzustellen, dass man auch mit Zwillingen im Kinderwagen ordentlich joggend am schlappmachenden bayowarischen Fußgängern vorbeiziehen kann.

Zwillingskinderwagen, was für ein Debakel! Und das gleich am ersten Tag. Was kommt als nächstes? Ein 90-Jähriger, der “… On your left…” säuselt und dann seinen sportlichen Wheelchair leise quietschend am mir vorbei den Berg hinauf schieb, während sein weißes Gebiss verzweifelt klappernd versucht Ihm zu folgen? Fortan begleitet mich der rüstige 90′er mit seinem Rollstuhl virtuell den Hang hinauf und meine Schritte werden dadurch nicht schneller. Am Gipfel angekommen beschließe ich völlig demoralisiert und erschöpft, dass es das für heute erst mal war. Umdrehen und nach Hause wanken ist dann der Rest des ersten Sporttages.

Die kommende Nacht träumt der Gedemütigte dann von körperbetont bekleideten Sportmüttern, die Ableger im Dutzendkinderwagen lächelnd am ihm vorbei schieben und ihn dann im Sinne leichter Beute mit den strahlenden Haifischbeißerchen als Fleischbeilage taxieren. Der Rest meines bedauernswerten Bodys wird dann anschließend von einem gut erhaltenen tiefergelegten 90′er-wheelchair mit Sportfelgen überrollt…

Aber alles böse hat auch was Gutes. Das Kämpferherz ist geweckt. Ich beschließe, meine neuen Freunde mit Ihren eigenen Waffen zu schlagen. Und so gehe ich dann das Thema gesundheitliche Ertüchtigung strategisch geplant und mit doppeltem Willen an….

…Drei Monate später: „Faszinierend!“, würde Spock wohl sagen. Was man(n) doch alles mit der richtigen Motivation bewegen kann. In den letzten Wochen und Monaten habe ich mein Sportprogramm dramatisch vorangetrieben. Beginnend am frühen Morgen vor Sonnenaufgang ist der Dish meine zweite Heimat geworden. Drei Tage Training, ein Tag Pause. Das war und ist das Programm. Die Fortschritte sind unverkennbar, das Programm in der Zwischenzeit zu einem Zirkeltraining ausgebaut. Neben dem obligatorischen Dish gehören etliche Runden auf der Laufbahn im Stanford Athletik Stadium und anschließendes ausgiebiges Dehnen zu der Fitnesskur. Meine laufenden Haifische habe ich seither nicht mehr getroffen. Bis zu diesem Samstag, als ich mir ein längeres Ausschlafen gegönnt habe und der Start meines Run’s deshalb erst gegen 10:00 beginnt. Als ich den ersten Hügel locker laufend hinter mir habe, sehe ich sie. Das ganze Rudel. Wilde athletische Haifischmütter. Inklusive Ihrer dreirädrigen Ablegertransporter. Vor mir auf 12:00 straight ahead. Locker langsam joggend am zweiten Anstieg. Ein ganzes Rudel voller weißer Haie, an meinem “On-your-Left-Berg”.

[Anmerkung des Schreiberlings: Mit dem Lesen der nächsten Zeilen könnte ggf. ein völlig falscher Eindruck entstehen. Nein, ich habe nichts gegen sportliche Mütter. Nein, ich kann mit Niederlagen umgehen. Nein, Rache ist nicht mein Motiv. Nein, ich bin ein guter bajuwarischer Läufer. Nein, ich werde selbstverständlich nicht triumphierend an den Damen vorbei rennen, nein, nein, nein.... Ja].

In diesem Moment vergisst der laufende Schreiberling alles um sich herum und die schweren Tage der sportlichen Entwicklung bahnen sich Ihren emotionalen Weg zurück an die Oberfläche. All die Schinderei. Das morgendliche Aufstehen. Die mühevollen Anfänge. Die Muskelschmerzen am Tag danach. Die langsamen Fortschritte. Und die vielen unschuldigen Schweinehunde, die dran glauben mussten. All das zeigt Wirkung. Und ich habe da noch zwei “ON YOUR LEFT” und einen virtuellen Wheelchair offen!

Und ich renne los. Und diesmal bin ich es, der auf der Jagt ist. Der Body rennt, wie er noch nie in diesen drei Monaten gerannt ist. Alle Vernunft und Herzfrequenzstatistiken über Bord werfend. Körperspannung pur, Adrenalin im Kopf, Adrenalin in den Beinen, Adrenalin überall. Eingezogener Restbauch und Kopf nach oben, Brust raus: Let’s fight. Nur noch bis zur Hügelspitze, dann habe ich euch….

“…ON YOUR LEFT…”! Ok, war vielleicht doch ein bisschen laut, konnte ja keiner ahnen, das die gleich so erschrecken. Aber zumindest waren die Damen ordnungsgemäß gewarnt, das da gleich etwas an Ihnen vorbeischießen würde. Und so rennen ich mit allem Stolz und Wut im Bauch zu den Haifischen mit dem weißen Lächeln im Gesicht. Was für ein Gefühl, was für eine emotionaler Genuss! Die restlichen Schritte vorbei an der Gruppe erstaunt/erschrockener Sportlerinnen nehme ich wie in Trance. Ich fliege an Ihnen vorbei, begleitet und getragen von der im Kopf spielenden Vangelis – Titelmelodie zu “Die Stunde des Siegers” …Da dam da da die da, da dam da da da….”

Die restliche Strecke habe ich in absoluter Rekordzeit zurück gelegt. Trunken vor Glück und positiven Hormone führte mich der Weg direkt in das altehrwürdige Stanford-Stadium auf die Laufbahn. Wer soll mich noch stoppen und welche Macht hat Motivation, denke ich, während ich gedankenversunken locker auslaufe.

“ON YOUR LEFT” trifft mich wie ein Speer in den Rücken. Der junge Modellathlet mit dunkler Hautfarbe schießt im Sprint an mir vorbei und gibt mir mit einem kurzen lächeln zu verstehen, das weiße Haie auch in anderen Gefilden unterwegs sind. Während ich Ihm hinter her sehe, beginnt wieder diese Musik in meinem Kopf zu spielen: …Da dam da da die da, da dam da da da….” Die Stunde des Siegers. Gut, das der junge Mann nicht weis, das in gar nicht all zu langer Zeit links hinter Ihm ein Ruf ertönen wird: “ON OUR….” . Na, träumen wird das neue Sportmän(n)chen doch wohl noch dürfen.

Lang leben die weißen Haie.

The Dish Pictures:

 

 

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